Dreizack von den Edlen von Egling  

Denkmalschutz

In Wohngemeinschaft mit der Geschichte

 Denkmalschutz und moderner Komfort:

Ein spannender Spagat 


Von Egon Johannes Greipl  

Aus: UNSER BAYERN Jgg. 59 Nr.8/9 2009. [Bildbeschreibung 1-6 unten]

Vor einigen Jahren habe ich versucht, im Zeichnung ca. 1850 Frän­kischen die Eigentümer einer alten Mühle dafür zu gewinnen, das Anwesen zu erhalten und wei­ter zu bewohnen. Ich redete davon, wie schön das Fachwerk sei, wie idyllisch das Haus in der Landschaft liege, wie gut man es den heutigen Wohnzwecken anpassen könne, und wie hoch  die staatliche Unterstützung sein würde. Ich,  der die Mühle zum zweiten Mal in meinem Leben sah und dessen Eltern nie ein eigenes Haus besessen hat­ten, schwärmte von der Familientradition; ich ap­pellierte, doch nicht ein Anwesen untergehen zu lassen, auf dem die Familie seit 200 Jahren lebte. Die Bewohner aber verbanden mit dem alten Haus andere Erinnerungen: 200 Jahre Frieren,                            [Bild 1]
Nässe, Krankheit, Ungeziefer, Mühsal, ständige Repara­turen. Für seine Bewohner war dieses Haus ein feindliches Haus, ein böses Haus, ein Zeichen von Armut und Rückständigkeit. Sie wollten mit dieser Geschichte nicht wohnen.

Das Beispiel der fränkischen Mühle zeigt, woUntere Mühle Heinrichshofen die Kernprobleme der Denkmalpfleger liegen: Die Mühle war nicht mehr in Betrieb. Eigentlich geht es darum, Nutzungen für Gebäude zu finden, die ihre angestammte Nutzung verloren haben, weil technologische oder wirtschaftliche Entwick­lungen über sie hinweg gegangen sind. Zugege­ben: Gerade die besten Baudenkmäler sind nicht selten in einem wirklich bedenklichen Zustand. Das liegt nahezu nie am schlechten Baumaterial oder an der fehlenden Kunst der Baumeister, Mau­rer und Zimmerleute vergangener Zeiten, sondern fast ausnahmslos an Vernachlässigung, Leerstand, fehlendem Bauunterhalt, ja Vandalismus; all das über                                     [Bild 2]
Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte. Es gibt ein Denkmalschutzgesetz, aber: Wer hat da
 weg­geschaut?
 
Oft geht es darum, den Eigentümern zu vermitteln, dass Sie nicht einen Klotz am Bein haben, sondern ein für sie und für die Allgemeinheit wichtiges Bauwerk besitzen. Und immer geht es um sensible Lösungen, die den Bewohnern einen zeitgemäßen Wohnkomfort ermöglichen, die Substanz des Denkmals bestmöglich bewahren und trotzdem finanziell tragbar sind. Unsere Denkmäler brauchen Eigentümer, die zuhören wollen; sie brauchen Denkmalpfleger, die Land und Leute ebenso gut kennen wie ihr Handwerk, Planer und Handwer­ker, die einfallsreich und zu individuellen Lösungen fähig sind, einen Staat, der dort einspringt, wo das eigene Geld nicht reichen will. Die Lösungen ste­hen nicht in den Lehrbüchern. Sie verlangen vom Denkmalpfleger Hartnäckigkeit, aber auch die Bereitschaft, gelegentlich an einem Kompromiss mitzuwirken, der Denkmalsubstanz kostet.

Bayern ist mit seinen 129000 Bau- und Kunst­denkmalen und etwa 47000 bekannten archäo­Identität unbekanntlogischen Denkmalen zusammen mit Sachsen das denkmalreichste Bundesland. Mehr als die Hälfte dieser Denkmäler steht in privatem Denkmal­eigentum. Dazu gehören historisch wertvolle Bür­ger- und Handwerkerhäuser in den Städten sowie Handwerker- und Bauernhäuser auf dem Land. Viele der historisch wertvollen Handwerker- und Bauernhäuser sind nach dem gewaltigen Struktur­wandel nur noch "ehemalige" Handwerker- und Bauernhäuser. Priestermangel und Erosionder kirchlichen    Milieus ließen Pfarr- und Benefiziaten­häuser verwaisen. 

                                                                                                                        [Bild 3]                  

                   
 Viele Menschen suchen solche" Ehemaligen". Ma­rion Lang und Gerd Juchem haben sich einer ehe-[28]maligen, für die lokale Sozial- und Wirtschaftsge­schichte wichtigen Dorfschmiede angenommen. Das war nicht einfach, aber: es "hat auch sehr viel Spaß gemacht ... wir haben es nicht bereut." Hans Guggenmoos und Gertrud Lichtenberg-Guggen­moos bewohnen nach der gelungenen Instandset­zung ein Benefiziatenhaus und versichern, dass es sie "noch nie gereut hat, dieses Haus gekauft zu haben, und dass wir uns in diesem Haus sehr wohl fühlen." Angela und Ben Bachmair besitzen im Allgäu ein Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert. Die Reparatur entwickelte sich zwar zur" never en­ding story", und doch ist das Haus eine Generati­onen übergreifende Freude für die Bauherren, die Kinder und die Enkelkinder.

Die Generationen übergreifende Freude mag sich nicht in allen Fällen sofort einstellen, zum Bei­spiel im Weiler Geßnach im Bayerischen Wald. Dort entschloss sich der Landwirt Helmut Strei­cher, sein im Kern noch aus dem 18. Jahrhun­dert stammendes Wohnhaus, einen ansehnlichen Blockbau, dazu das stattliche, ebenfalls hölzerne Austragshaus als Ferienhaus instand zu setzen. Andere Mitglieder der Familie, allesamt vom Bau­fach, hielten mit ihrer Skepsis nicht zurück und waren für das im Bayerischen Wald sprichwört­liche (der Autor darf das verraten, weil seine Vor­fahren aus dem Wald stammen) "Wegschiabn".
Die Hofanlage von Geßnach ist heute ein Beispiel einer gelungenen Sanierung, und die Brüder, de­ren Frauen, die Kinder und die Großmutter sind stolz auf ihr Anwesen.
Auch Josef Filler, Bauernsohn und Staatsbeamter aus Englfing, riskierte den Konflikt mit seinem Va­ter, als er das alte, seit 100 Jahren in Familienbe­sitz stehende, tatsächlich zum Schweinestall um­genutzte Wohnhaus - einen prächtigen Blockbau aus dem Jahre 1727 - vor dem Untergang retten wollte. Dass das Werk gelungen ist, gesteht inzwi­schen auch Josef Filler sen. ein. Das Haus mit ge­mütlichen, großzügigen Wohnräumen, eleganten Bädern und einer pfiffigen Wohnküche ist jetzt das Schmuckstück des Dorfes. Jetzt fehlt nur noch die junge Frau, die das häusliche Regiment über­nimmt. In diesem Punkt sind sich alle einig in Engl­fing und beim Landesamt für Denkmalpflege.

Dass man mit Begeisterung in ein Haus einziehen möchte, das gar nicht mehr steht, kommt auch vor. In der 1920er Jahren konstruierte der Re­formarchitekt Richard Riemerschmid (1868 bis 1957) zerlegbare Holzhäuser. Der Typ 4193 "Son­nenblick" entstand in den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau. Ein Exemplar wurde 1923 in Köln-Bodenkirchen errichtet, nach dem Verkauf des Grundstücks fachgerecht zerlegt und eingelagert. Die Enkelin der ersten Eigentümerin und ihr Ehemann transportierten die Teile nach Simbach am Inn und schon stand das Riemerschmidhaus zum zweiten Mal. Thomas und Maria Brunnhuber möchten nirgendwo anders wohnen als im "Haus Sonnenblick" .

Industriedenkmäler lassen sich nicht so leicht Altes Dägewerk zer­legen und von A nach B transportieren. Etwa 500 solcher Objekte besitzt Bayern: Hüttenwerke, Hafenspeicher, Wassertürme, Fertigungs- und Maschinenhallen, Brücken- und Kanalbauwerke, Staustufen und Schleusen. Industriedenkmä­ler des 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts sind häufig von einer Qualität in Entwurf, städ­tebaulicher Situation und materieller Substanz, von denen die meisten Gewerbe- und Industrie­bauten heute meilenweit entfernt sind. Die Ak­zeptanz ist manchmal schwierig, auch sperren sich Industriedenkmäler zunächst oft gegen die Umnutzung. Eine Vielzahl von Argumenten wird dagegen unermüdlich vorgetragen, die meisten treffen nicht zu. Die                              [Bild 4]
 Einwände richten sich ge­gen die Qualität und Nutzbarkeit der Bauwerke, gegen die angeblich
 unvertretbaren Kosten ih­rer Instandsetzung, vor allem aber gegen ihren geschichtlichen Wert. Verdrängungsmechanis­men treten hinzu, wenn man ins Feld führt, dass mit den baulichen Überresten der industriellen [29] Epoche insbesondere die Erinnerung an Krise, Arbeitslosigkeit und Untergang verbunden sei. Aber: Ein umgenutztes Industriedenkmal kann Standort-, Wohn- und Arbeitsplatzqualitäten entfalten, von denen ein gewöhnlicher Neubau ganz weit entfernt ist. 

 Kirchenmaler Pfister
Augsburg war bis vor 50 Jahren geprägt von Spinnereien und Webereien; fast alle sind unter­gegangen, nur die mächtigen Bauwerke zeugen von der weltbedeutenden Textilstadt Augsburg. Adresse Fabrikstraße 11 im Stadtteil Göggingen:
Am Singold-Kanal erhebt sich der mächtige vier­geschossige Ziegel bau der ehemaligen Zwirnerei und Nähfadenfabrik Ackermann, 1909/10 für 1500 Arbeiter errichtet. Nach nicht ganz 100 Jah­ren kam das Ende: Mehr als zehn Jahre stand das Gebäude leer, bis es in bestem Einvernehmen mit dem Landesamt für                          [Bild 5] 
 Denkmalpflege 2006 unter dem Titel 
 "Loft living" für Wohnzwecke umge­baut
wurde.
 
Das Wohnen in der Fabrik genügt auch und ge­rade den gehobenen Ansprüchen und schafft ein positives soziales Klima. Margarete Brüggemann ist hochzufrieden: "Bis vor Kurzem wohnten mein Mann und ich in einer Villa mit großem Gar­ten. Da uns die Bewirtschaftung zu mühsam wur­de, suchten wir einen Altersruhesitz im gleichen Stadtviertel. Zur ehemaligen Zwirnerei hat mein Mann einen persönlichen Bezug, und das über drei Generationen: Er hatte dort, wie schon sein Vater und sein Großvater, mit der Entwicklung von Maschinen zu tun. Wir haben eine schöne Einheit, ähnlich wie ein kleines Einfamilienhaus im Haus. Mit den Sprossenfenstern wohnen wir luftig, heiter und hell - ein sehr schönes Wohn­wertgefühl! Wir sind beide überglücklich! Sehr angenehm ist auch das Zusammenleben mit den jungen Leuten, die besonders in den unteren Ein­heiten des Hauses wohnen."
Zu den eher sperrigen Denkmälern gehören auch ehemalige Kasernen. Und trotzdem entfalten sie, zu zivilen Wohnzwecken umgenutzt, überra­schende Qualitäten. Ebenfalls in Augsburg findet sich das hervorragende Beispiel der Prinz-Karl­Kaserne, fertiggestellt 1884-1980 zum Abbruch bestimmt und dann erfolgreich für Wohn- und Ge­werbezwecke umgenutzt. In der 1890 errichteten Infanteriekaserne in Fürth (Darby-Barracks) ent­stand nach dem Abzug der Amerikaner 1994 un­ter Nutzung der Baudenkmäler ein ganzes, 2006 wegen seines Modellcharakters preisgekröntes Stadtviertel mit 750 Wohneinheiten.
Adresse Bärenschanzstraße 10 c in Nürnberg: Dort entging die im neugotischen Maximilianstil 1861/62 errichtete Reithalle der Kavalleriekaserne 2002 im letzten Moment durch Gerichtsentscheid dem Abbruch; es entstand eine Wohnanlage mit [30 ]Geschäften. Alexandra Foghammar, die stellver­tretende Pressesprecherin der Stadt Nürnberg, zieht gerade in eine der Maisonette-Wohnungen ein und meint: "Bei der Wahl der Wohnung wa­ren für mich zunächst die Lage in Nähe der Alt­stadt und die Dachterrasse ausschlaggebend. In­zwischen schätze ich besonders die historischen Teile des Gebäudes, etwa die auch in der Woh­nung unverputzt gebliebene Sandstein-Wand der Fassade, die einen besonderen Akzent setzt. Ein wesentliches Gestaltungselement der Wohnung ist der sichtbare, denkmalgeschützte Dachstuhl mit seinen Holzbalken und Metallelementen. Er ist sogar von der Küche aus durch ein Glasboden­element im Schlafzimmer zu sehen. Am Wochen­ende kann man Grüppchen von Architekturinte­ressierten vor dem Haus beobachten, die wissen wollen, wie die Umwandlung der Reithalle für Wohnzwecke gelöst wurde."

Dass ein Historiker gerne mit der Geschich­te wohnt, glaubt man gleich. Trotzdem leben die meisten Historiker, die ich kenne, in Stadt­randhäusern. Der Historiker im Denkmal ist die Ausnahme. Dass ein Denkmalpfleger in einem Denkmal wohnt, ist auch nicht die Regel. Selbst­verständlich ist es also nicht, dass meine Frau und ich in einem Denkmal wohnen. In einem Haus, das gute 1 00 Jahre alt ist, haben wir eine Woh­nung mit 114 Quadratmetern erworben und in­standgesetzt. Die Lage stimmt: Die Straße ist ru­hig, wir haben fünf Minuten zur U-Bahn, sind in dreißig Minuten zu Fuß im Büro und finden in der Nachbarschaft alle Läden, die wir brauchen. Der Komfort stimmt: Das Haus hat einen Aufzug, die Grundrisse sind optimal, die Ziegel mauern dick, die Villa KieningRäume dreieinhalb Meter hoch. Das 100jäh­rige geölte Eichenparkett, repariert von Fachleu­ten aus dem Bayerischen Wald, glänzt wie brau­ne Seide, die dekorativen Malereien an Wänden und Decken hat ein Kirchenmaler konserviert. Die Kosten für die gesamte Instandsetzung, darunter die Einrichtung von Bad und Küche, die Türen und die neuen Heizkörper waren erheblich, ha­ben uns aber für 12 Jahre in ebenso erheblichem Umfang Steuern erspart. Den Steuervorteil bei Ei­gennutzung gibt es nur bei Denkmälern.                                  [Bild 6]

Ich möchte nie mehr anders wohnen als mit der Geschichte. So denken mehr und mehr auch jun­ge Leute und Familien. Jedes Mal, wenn Denkmal­preise oder Denkmalmedaillen verliehen werden, staune und freue ich mich darüber, wie jung, stolz und optimistisch die Preisträger sind. Sie fühlen sich durchweg in ihren vier historischen Wänden wohl. Sie wissen, dass sie etwas haben, das es in dieser Weise nur einmal gibt. Auch wenn es keine trutzige Burg, kein prächtiges Schloss und kein ehrwürdiges Kloster ist: Eine Wohngemein­schaft mit der Geschichte ist auch in kleinerem Maßstab zu haben.   
 
 Prof.Dr.EgonJohannesGreipl, Generalkonservator Bayer. Landesamt  für Denkmalplfege München
_________________
Bebilderung: P. Fried
Bild 1 Egling Hs.Nr. 41 Kramer. Zeichnung  ca. 1850. (mitgeteilt v. Hans Pfister). Haus 18.Jh.,  denkmalgeschützt
Bild 2 Heinrichshofen Hs.Nr. 42 Untere Mühle (Foto 1954 für Gemeindechronik). Haus  18. Jh.,  denkmalgeschützt
Bild 3 Bis jetzt nicht identifiziert. Seinerzeit bei der Gemeindeverwaltung abgegeben.
Bild 4 / 5 Heinrichshofen Nr. 35 ehem. Sägewerk Schlemmer. Nun Restaurierungswerkstätte mit Museum Johann Pfister , Kirchenmaler, Heinrichshofen .
Bild 6 Heinrichshofen Nr. 35 Villa des Sägewerk-Erbauers Kiening, restauriert im Besitz von Journalist Hermann Hermannsen.
Siehe die Objekte im Häuserbuch unter den betreffenden Hausnummern!                                                                                                                           10.1.2010
.